Interview mit Thies Falko Pithan und Hanna Feuser
Mit dem Bereichsleiter Werkstofftechnik/Neue Materialien Thies Falko Pithan vom Kunststoff-Institut Lüdenscheid und der Projektmanagerin Hanna Feuser vom Kunststoff-Institut für die mittelständische Wirtschaft NRW GmbH (KIMW) sprechen wir über Ziele und Nutzen des neuen Verbundprojekts "Recycling 3" für mittelständische Unternehmen der Kunststoffbranche sowie über inhaltliche Aspekte und Vorgehensweisen.
Zum Hintergrund des Projekts „Recycling 3“
Das auf zwei Jahre angelegte Verbundprojekt vom Kunststoff-Institut Lüdenscheid mit der BKV GmbH „Recycling 3“ ist am 16. September mit einem Kick-off-Meeting gestartet. Im Mittelpunkt stehen der Einsatz von Post-Consumer-Rezyklaten (PCR), regulatorische Anforderungen, verfügbare Recyclingmaterialien sowie Stoffströme und Verwertungswege in der Kunststoffkreislaufwirtschaft. Ziel des Projekts ist es, eine praxisorientierte Wissensplattform zum Einsatz von Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) in der Kunststoffverarbeitung aufzubauen.
Mit den Vorläuferprojekten „Recycling 1“ und „Recycling 2“, in denen das KIMW die systematische Analyse von Post-Consumer-Abfällen (PCR) und den Aufbau einer umfassenden Rezyklat-Datenbank mit rund 2.000 Materialien umgesetzt hat, wurden die Grundlagen gelegt. Darauf aufbauend startet nun in Kooperation mit der BKV GmbH das Projekt „Recycling 3“, um den industriellen Einsatz von Rezyklaten voranzutreiben.
Das Kunststoff-Institut Lüdenscheid
Das Kunststoff Institut Lüdenscheid ist Trägerverband mehrerer unabhängiger und eigenständiger Gesellschaften, darunter auch das Kunststoff-Institut für die mittelständische Wirtschaft NRW GmbH (KIMW). Das Institut wurde 1988 von Unternehmern aus der Region Südwestfalen gegründet, fungiert als Dienstleister und unterstützt Unternehmen bei der Auswahl, Entwicklung und Umsetzung von Produkten, Werkzeugen und Prozessabläufen im Bereich der Kunststofftechnik. Es verfügt über ein eigenes Technikum sowie zahlreiche Anlagen für Material-, Bauteil- und Oberflächenprüfungen. Der Fokus liegt dabei auf Spritzgussteilen aus Thermoplasten und Duroplasten. Als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Praxis unterstützt das Institut vor allem mittelständische Unternehmen dabei, die Qualität, Effizienz und Nachhaltigkeit ihrer Produkte und Prozesse zu steigern bzw. an neue Produktentwicklungen und Anforderungen anzupassen.
Unsere Interviewpartner
Thies Falko Pithan:
Im Jahr 2015 begann Thies Falko Pithan nach seinem Maschinenbaustudium und einer anschließenden Forschungstätigkeit an der Fachhochschule Südwestfalen in der Abteilung Werkstofftechnik/Neue Materialien am Kunststoff-Institut Lüdenscheid. Seit 2021 leitet er die Abteilung Werkstofftechnik/Neue Materialien und leitet das aktuelle Verbundprojekt Recycling 3.
Hanna Feuser:
Seit dem 01. Januar 2021 ist Hanna Feuser Mitarbeiterin am Kunststoff-Institut für die mittelständische Wirtschaft NRW GmbH. In der Rolle der Projektmanagerin leitete Frau Feuser bereits mehrere Industrieprojekte im Bereich Recycling & Rezyklateinsatz und ist außerdem tätig in dem geförderten Projekt Werkstoffforum der Zukunft, welches gemeinsam mit Unternehmen und Kommunen Konzepte zur Förderung der Kunststoffkreislaufwirtschaft erprobt. Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Werkstoffforum bringt Frau Feuser in das aktuell laufende Verbundprojekt „Recycling 3“ ein. Hanna Feuser studierte im Master Materialwissenschaften und Nachhaltigkeitsmethoden an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

| Thies Falko Pithan (rechts im Bild) & Hanna Feuser (links) zur Zusammenarbeit mit der BKV GmbH im Projekt "Recycling 3": |
"Durch die Zusammenarbeit können wir unsere jeweiligen Kompetenzen gezielt bündeln. Uns verbindet dabei vor allem der hohe Praxisbezug unserer Projekte und das gemeinsame Ziel, Ergebnisse zu erarbeiten, die den Unternehmen einen konkreten Mehrwert bieten und sich direkt in die betriebliche Praxis übertragen lassen." |
Für das neue Verbundprojekt „Recycling 3“ haben Sie sich die BKV GmbH als Partner an Bord geholt. Inwiefern ergänzt die Expertise der BKV die Zielstellung des Projekts? Welche Aspekte – inhaltlicher und konzeptioneller Natur – sind dabei für Sie von Bedeutung?
Die BKV GmbH verfügt über umfassende Expertise im Bereich der Kunststoffkreislaufwirtschaft, insbesondere hinsichtlich regulatorischer Anforderungen, verfügbarer Abfallstoffströme und deren Verwertungswege. Die Erkenntnisse und Erfahrungen aus zahlreichen Studien der BKV ergänzen die geplante Wissensplattform im Projekt „Recycling 3“ daher sehr gut.
Durch die Zusammenarbeit können wir unsere jeweiligen Kompetenzen gezielt bündeln. Uns verbindet dabei vor allem der hohe Praxisbezug unserer Projekte und das gemeinsame Ziel, Ergebnisse zu erarbeiten, die den Unternehmen einen konkreten Mehrwert bieten und sich direkt in die betriebliche Praxis übertragen lassen.
Wie helfen Ihnen die Erkenntnisse aus „Recycling 1“ und „Recycling 2“ für das neue Verbundprojekt?
Das Kunststoffrecycling hat sich von der anfänglichen Herstellung sortenreiner Rezyklate gemäß Qualitätenverzeichnis für Altkunststoffe zu Rezyklaten für die jeweiligen spezifischen Endproduktanwendungen weiterentwickelt. Das Kunststoffrecycling wird inzwischen vom Endprodukt, also von der Endanwendung, zurückgedacht bis in den hierfür geeigneten Verarbeitungsinput, die dafür notwendigen Sortierungen und die spezifische Aufbereitung. Die dabei notwendigen Qualitätssicherungen erfolgen über alle Stufen hinweg vom Abfallstatus bis zum Endprodukt.
In den Vorgängerprojekten „Recycling 1“ und „Recycling 2“ haben wir Rezyklate aus unterschiedlichen Abfallströmen systematisch untersucht und hinsichtlich ihrer Qualität bewertet. Dabei konnten wir wertvolle Erfahrungen in der methodischen Charakterisierung von Post-Consumer-Rezyklaten sammeln und einen umfassenden Einblick in den Markt verfügbarer Recyclingmaterialien gewinnen.
Mit „Recycling 3“ gehen wir nun einen Schritt weiter und verknüpfen die Erkenntnisse aus den praktischen Materialuntersuchungen mit den technischen, regulatorischen und marktbezogenen Anforderungen der Kunststoffkreislaufwirtschaft.
Verarbeiter und Anwender stehen heute vor großen Herausforderungen durch erhöhte Anforderungen abfallgesetzlicher Regelungen wie die europäische Verpackungsverordnung (PPWR) und die EU-Altautoverordnung (ELVR). Wie schätzen Sie diese Anforderungen für die betreffenden Akteure ein? Was erwarten Sie in Bezug auf die künftige Material- und Produktentwicklung?
Die regulatorischen Anforderungen stellen die kunststoffverarbeitende Industrie vor große Herausforderungen. Insbesondere die Mindesteinsatzquoten für Rezyklate sind anspruchsvoll, da Post-Consumer-Rezyklate in ausreichender Menge und mit einer möglichst konstanten, verlässlichen Materialqualität verfügbar sein müssen.
Um langfristig hochwertige Recyclingmaterialien bereitzustellen, muss das Thema Design for Recycling bereits bei der Produktentwicklung stärker berücksichtigt werden. Gleichzeitig sollten Materialanforderungen dort kritisch hinterfragt und gegebenenfalls angepasst werden, wo es die Anwendung zulässt, um den Einsatz von Sekundärrohstoffen zu erleichtern.
Da die positiven Effekte recyclinggerecht gestalteter Produkte häufig erst langfristig sichtbar werden, müssen parallel auch die Recyclingtechnologien und die Materialentwicklung weiter vorangetrieben werden.
| Thies Falko Pithan & Hanna Feuser zur Bedeutung von Design for Recycling für den Rezyklateinsatz: |
"Um langfristig hochwertige Recyclingmaterialien bereitzustellen, muss das Thema Design for Recycling bereits bei der Produktentwicklung stärker berücksichtigt werden. Gleichzeitig sollten Materialanforderungen dort kritisch hinterfragt und gegebenenfalls angepasst werden, wo es die Anwendung zulässt, um den Einsatz von Sekundärrohstoffen zu erleichtern. |
Wie unterstützt das Projekt „Recycling 3“ einen klassischen mittelständischen Betrieb ganz konkret dabei, den Spagat zwischen rechtlichen Vorgaben, technischer Machbarkeit und seinem Bestehen im Wettbewerb zu meistern?
Mit „Recycling 3“ möchten wir Unternehmen Orientierung in der zunehmend komplexen Kunststoffkreislaufwirtschaft bieten. Gerade mittelständischen Betrieben fehlen häufig die personellen und zeitlichen Ressourcen, um sich intensiv mit allen regulatorischen, technischen und marktbezogenen Entwicklungen auseinanderzusetzen.
Unser Ziel ist es daher, relevantes Wissen praxisnah und verständlich aufzubereiten und Unternehmen mit möglichst geringem eigenem Aufwand einen fundierten Überblick über aktuelle und zukünftige Anforderungen zu ermöglichen. Darüber hinaus möchten wir konkrete Handlungsempfehlungen und Leitlinien bereitstellen, die als Grundlage für strategische Entscheidungen und die praktische Umsetzung dienen.
Individuelle Fragestellungen können anschließend auf Basis der Projektergebnisse in einer bilateralen Zusammenarbeit gezielt vertieft werden.
Ein Forschungsschwerpunkt in „Recycling 3“ ist die Geruchsreduktion und Emissionsminimierung bei Post-Consumer-Rezyklaten. Welche technischen Ansätze oder neuen Additiv-Technologien untersuchen Sie, um PCR-Materialien zu entwickeln, die sich auch für sensible Innenraumanwendungen eignen – wie etwa im Automotive-Bereich oder bei Haushaltsgeräten?
Zur Reduzierung unerwünschter Gerüche und Emissionen gibt es entlang des Recyclingprozesses verschiedene Ansatzpunkte. Im Projekt konzentrieren wir uns auf Maßnahmen, die wir bei der Materialaufbereitung gezielt beeinflussen können.
Ein Schwerpunkt liegt auf dem Einsatz unterschiedlicher Additivsysteme während der Compoundierung. Ergänzend untersuchen wir thermische Reinigungs- und Nachbehandlungsverfahren, die vor oder nach der Granulierung eingesetzt werden können.
Unser Ziel ist es, herauszufinden, welche geruchsaktiven Verunreinigungen sich durch welche Additive und thermischen Behandlungen, auch in Kombination, am wirksamsten reduzieren lassen. Daraus möchten wir praxisnahe Empfehlungen ableiten, um die Materialqualität von Post-Consumer-Rezyklaten zu verbessern und ihre Einsatzmöglichkeiten auch für anspruchsvollere Anwendungen zu erweitern.
Wenn Sie zwei Jahre vorausblicken und das Projekt im August 2028 endet: Was wollen Sie erreicht haben, damit „Recycling 3“ für Sie und die teilnehmenden Unternehmen ein voller Erfolg war?
Für uns wäre das Projekt ein voller Erfolg, wenn wir den teilnehmenden Unternehmen nicht nur neue Erkenntnisse und einen fundierten Überblick über die Entwicklungen in der Kunststoffkreislaufwirtschaft vermitteln konnten, sondern auch konkrete Impulse und/oder Hilfestellungen für die Umsetzung in der betrieblichen Praxis geben können. Entscheidend ist für uns, dass die gewonnenen Erkenntnisse über die Projektlaufzeit hinaus einen nachhaltigen Mehrwert für die Unternehmen bieten.
Frau Feuser, Herr Pithan, herzlichen Dank für das Interview!
(Oktober 2026, Fotos: © KIMW)