Interview Dr.Thomas Probst, Anna Roeb

Interview mit Dr. Thomas Probst und Anna Roeb vom bvse Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung

 
Der bvse-Fachverband Kunststoffrecycling


Der Fachverband Kunststoffrecycling im bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e. V. vereint mehr als 300 Mitgliedsunternehmen. Diese decken die gesamte Bandbreite der Kunststoffverwertung ab, von der Abfallerfassung über die Sortierung, Behandlung und Aufbereitung bis zur Herstellung von Rezyklaten. Hinzu kommen Unternehmen, die mit Altkunststoffen handeln oder als Makler tätig sind. Insgesamt vereint der bvse rund 1.100 Unternehmen, die mit circa 60.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rund 20 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. Der bvse bildet mit 10 Fachverbänden 14 Stoffströme der Recycling- und Entsorgungswirtschaft ab.
 

Unsere Interviewpartner

 

Dr. habil. Thomas Probst ist seit mehr als 20 Jahren als Referent beim bvse zuständig für Kunststoffrecycling, für Sonderabfall (gefährliche Abfälle) und auch für das Recycling von Reifen und Gummi. Er ist das Bindeglied zwischen dem bvse, seinen Mitgliedsunternehmen und der Politik. Der Internationale bvse-Altkunststofftag trägt maßgeblich seine Handschrift und ist unter seiner Leitung zu einem wichtigen Branchentreffen geworden. Zum Jahresende geht Probst nun in den Ruhestand.
 
Anna Roeb übernimmt als Fachreferentin und bringt ihr Wissen aus der Praxis ein, um politische und fachliche Rahmenbedingungen mitzugestalten. Bevor sie zum Verband wechselte, arbeitete sie beim Grünen Punkt und beim Beratungsunternehmen HolyPoly an konkreten Lösungen für Rezyklatprojekte von der Materialentwicklung bis zur Markteinführung. Ihr Antrieb: Kunststoffrecycling so weiterzuentwickeln, dass Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen.
 

 

 

Dr. Thomas Probst: Anna Roeb:
Ein sehr schönes Vorbild für ein erfolgreiches Engagement geben die zahlreichen Neuentwicklungen bei den Sortiertechnologien. So ein Boom sollte auch bei Aufbereitung und Recycling der Kunststoffe möglich sein. Allerdings müssen dabei die gesetzlichen Vorgaben, wie Rezyklateinsatzquoten, die sich beim PET-Recycling so positiv auswirken, auch auf andere Bereiche übertragen werden. Und das Kunststoffrecycling muss sich dabei auch wirtschaftlich lohnen.
Die Transformation zu einer echten Kreislaufwirtschaft kann nur gelingen, wenn alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette gemeinsam an einem Strang ziehen. Jede Stufe hat eigene Anforderungen und Herausforderungen, aber auch großes Potential, Lösungen gemeinsam zu gestalten.

Herr Dr. Probst, Sie waren mehr als 20 Jahre lang erfolgreich als Fachreferent beim bvse tätig und gehen nun zum Ende 2025 in den Ruhestand. Wie hat sich in dieser Zeit die Branche entwickelt, wie die Arbeit beim bvse? Auf welche beruflichen Höhepunkte blicken Sie zurück?
 

Das besondere für mich ist, dass die Tätigkeiten beim bvse so vielfältig sind. Sie umfassen bspw. das nationale und europaweite Lobbying, Schulungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Marktberichte sowie die inhaltliche Gestaltung von Tagungen und Foren. Meine Ausbildung als Chemiker hilft, die umfangreichen Anforderungen zum Stoffrecht über alle Abfallströme zu meistern. Die zahlreichen Herausforderungen an die mittelständischen Unternehmen, die inzwischen sehr hohe bürokratische und rechtliche Anforderungen zu bewältigen haben, beeinflusst auch die Arbeiten im bvse. Oder anders ausgedrückt, die Anzahl der Anforderungen an den Verband steigen immer weiter an und damit wächst leider auch der hierbei notwendige Detaillierungsgrad. Und schließlich kann seit einigen Jahren die Bedeutung des Lobbyings in Europa gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hier arbeitet der bvse auf allen Ebenen eng verzahnt mit Recycling Europe (vormals EuRIC) und kunststoffspezifisch mit PRE – Plastics Recyclers Europe zusammen.
 
Höhepunkte in der beruflichen Arbeit waren meine Delegationsreisen in die Volksrepublik China und nach Taiwan. Darüber hinaus ist die Teilnahme an einer längeren Besprechung zu REACH in großer Runde und mit verteilten Rollen im Bundekanzleramt zu nennen. Und schließlich sind mir die Tätigkeiten zu End of Waste in den Sevilla-Prozessen, hier bei den Schrotten und bei Kunststoffen, unvergesslich. Bei meinen Lehrtätigkeiten an der RWTH Aachen, ist der gedankliche Austausch mit Studenten nicht nur inspirierend, sondern hilfreich, wenn das Kunststoffrecycling gegenüber anderen erklärt werden soll.
 

Wo stehen die Kunststoffrecycler aus Ihrer Sicht heute? Was sind aktuell die größten Herausforderungen für die Branche?

 
Das Kunststoffrecycling hat sich von der anfänglichen Herstellung sortenreiner Rezyklate gemäß Qualitätenverzeichnis für Altkunststoffe zu Rezyklaten für die jeweiligen spezifischen Endproduktanwendungen weiterentwickelt. Das Kunststoffrecycling wird inzwischen vom Endprodukt, also von der Endanwendung, zurückgedacht bis in den hierfür geeigneten Verarbeitungsinput, die dafür notwendigen Sortierungen und die spezifische Aufbereitung. Die dabei notwendigen Qualitätssicherungen erfolgen über alle Stufen hinweg vom Abfallstatus bis zum Endprodukt.

 
Die Möglichkeiten beim Sortieren erscheinen durch die Anwendung neuer Techniken und Technologien, die auch KI-gestützt arbeiten können, fast unbegrenzt zu sein. Und diese neuen Sortierungstechniken können dabei auf alle Abfallströme angewandt werden.
 
Das Kunststoffrecycling selbst ist derzeit leider in Bedrängnis. Hier werden neue Wege gesucht, um die Krise zu meistern. Das PET-Recycling behauptet sich nicht nur in diesen schwierigen Zeiten, sondern es zeigt auch Möglichkeiten auf, wie das Kunststoffrecycling in seiner Breite bestehen kann.
Auch das Recycling von Mischkunststoffen hat sich weiterentwickelt. Hier werden hochwertige Produkte generiert, die die ursprünglichen Materialien aus Holz, Stahl oder Beton deutlich übertreffen. Das Recycling von Mischkunststoffen besteht mit seiner Produktvielfalt in diesen schwierigen Zeiten. Gerade die Mischkunststoffprodukte, die ja gerne diskriminiert werden, sind europaweit und international durchaus befriedigend nachgefragt.
 

Was möchten Sie den Unternehmen und Akteuren, die sich im Bereich Kreislaufwirtschaft mit Kunststoff engagieren, mit auf den Weg in die Zukunft geben? Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht am dringendsten und sollten von zentralen Akteuren wie Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung jeweils angepackt werden?

 

Es ist höchste Zeit, Ergebnisse aus den verschiedenen Gesprächskreisen in die Praxis umzusetzen. Erneuerungen bei Aufbereitung und Recycling sind dringend notwendig. Solche Weiterentwicklungen erwecken dann auch das Interesse der Akteure. Der Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland kann weitreichende Impulse auch beim Recycling setzen. Ein sehr schönes Vorbild für ein erfolgreiches Engagement geben die zahlreichen Neuentwicklungen bei den Sortiertechnologien. So ein Boom sollte auch bei Aufbereitung und Recycling der Kunststoffe möglich sein. Allerdings müssen dabei die gesetzlichen Vorgaben, wie Rezyklateinsatzquoten, die sich beim PET-Recycling so positiv auswirken, auch auf andere Bereiche übertragen werden. Und das Kunststoffrecycling muss sich dabei auch wirtschaftlich lohnen.
 

Herr Dr. Probst, welches besondere Highlight ist Ihnen im Laufe Ihrer beruflichen Erfahrung gut in Erinnerung?
 

Ein Highlight war das Lobbying in großer Runde in Frankfurt gegen die gefahrenrechtliche Einstufung von Titandioxid. Den zahlreichen Abstimmungen auf unterschiedlichen Ebenen folgte dann eine umfangreiche Detailarbeit. Gegen die chemikalienrechtliche Einstufung von Titandioxid wurde, hier mit der besonderen Unterstützung durch den bvse, erfolgreich beim Gericht der Europäischen Union (EuG) und in der Revision beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) vorgegangen. Die bisherige chemikalienrechtliche Einstufung wurde korrigiert. Wichtig ist dies, weil die Einstufung von Titandioxid den Auftakt für weitere Füllstoffe bilden sollte.
 


Fragen an Sie beide: Welche Bedeutung kommt aus Ihrer Sicht der Zusammenarbeit der gesamten Kunststoff-Wertschöpfungskette bei der Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft zu? Welche Rolle hat hierbei der von bvse und BKV in enger Kooperation etablierte Dialogkreis Kunststoff- und Recyclingindustrie?
 

Dr. Probst: Der offene Dialog der gesamten Kunststoffwertschöpfungskette findet bei den Gesprächskreisen und Veranstaltungen der BKV statt, die mitunter auch gemeinsam mit dem bvse erfolgen. Vordringlich ist meines Erachtens eine enge Verzahnung des Kunststoffrecyclings mit der Kunststoffverarbeitenden Industrie. Hier gibt es noch große Potentiale, die vorteilhaft für beide Seiten genutzt werden können. Auf diese Weise werden gegenseitiges Verständnis und Vertrauen aufgebaut. Positive Beispiele für kurze Wege aus dem Recycling in die Verarbeitung werden bei Gesprächen und Tagungen aufgezeigt und können dann in die Praxis umgesetzt werden. Breitere Anwendung für Rezyklate in den Produkten der Kunststoffverarbeitenden Industrie sind ökologisch und ökonomisch vorteilhaft möglich.
 
Anna Roeb: Die Transformation zu einer echten Kreislaufwirtschaft kann nur gelingen, wenn alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette gemeinsam an einem Strang ziehen. Jede Stufe hat eigene Anforderungen und Herausforderungen, aber auch großes Potential, Lösungen gemeinsam zu gestalten. Der Dialogkreis Kunststoff- und Recyclingindustrie spielt dabei eine zentrale Rolle und schafft genau diesen Raum für offenen, konstruktiven Austausch. Ich sehe den Dialogkreis als wichtigen Motor, um gemeinsame Positionen zu finden und ebenfalls Vertrauen innerhalb der Branche aufzubauen.
 

Frau Roeb, was möchten Sie als Fachreferentin des bvse für die Kunststoffrecyclingunternehmen in den kommenden fünf Jahren erreichen?
 

Mein Ziel ist es, die Rahmenbedingungen für den Einsatz von Rezyklaten und das Kunststoffrecycling insgesamt spürbar zu verbessern. Dafür möchte ich die Stimme der Recyclingunternehmen stärker in politische und regulatorische Prozesse einbringen und praxisorientierte Lösungen fördern, die in der Industrie tatsächlich funktionieren. Sie müssen gehört werden und Anerkennung finden.
 
In den kommenden Jahren wird es entscheidend sein, Marktanreize für den Rezyklateinsatz zu schaffen, vor allem bevor die EU-Verpackungsverordnung (Packaging and Packaging Waste Regulation, PPWR) greift. Dazu sollten Standards harmonisiert und die Qualität recycelter Materialien sichtbarer werden. Ich möchte insgesamt dazu beitragen, dass Kunststoffrecycling als zentrale Säule einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft anerkannt und entsprechend gefördert wird. Nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich.
 

Frau Roeb, welche Schwerpunkte wollen Sie künftig setzen? Gibt es neue Themen, die sich abzeichnen? Wie wollen Sie die Arbeit im bvse gestalten?
 

Ein Schwerpunkt meiner Arbeit wird die stärkere Vernetzung von Politik, Recyclingwirtschaft und Kunststoffverarbeitern sein. Nur wenn entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammengearbeitet wird, können Rezyklate langfristig erfolgreich eingesetzt werden. Zudem möchte ich Themen wie das Design for Recycling, die Weiterentwicklung von Qualitätsstandards für Rezyklate sowie Transparenzinstrumente zur Sicherung aktiv mitgestalten.
 
Neue Themen entstehen derzeit vor allem durch die europäischen Regulierungen, beispielsweise der PPWR oder der Ökodesign Richtlinie. Hier möchte ich sicherstellen, dass die Perspektive der Recycler frühzeitig eingebracht wird.
 
Die Arbeit im bvse verstehe ich als Dialog: gemeinsam mit Mitgliedsunternehmen Lösungen erarbeiten, Positionen schärfen und diese konstruktiv in den politischen Prozess einzubringen. Dabei ist mir wichtig, neue Arbeitsansätze und moderne Formen der Zusammenarbeit in den Verband zu integrieren. Das hilft, Wissen effizient zu teilen, Themen agiler zu gestalten und die Branche noch stärker zu vernetzen.
 


Herr Dr. Probst, gerade in den vergangenen wenigen Jahren sind Märkte und Wettbewerbsfähigkeit recht herausfordernd und rau geworden. Was würden Sie Ihrer Nachfolgerin, Frau Roeb, für eine erfolgreiche Arbeit im bvse wünschen? Worauf sollte Sie achten?
 


Ja, es ist inzwischen sehr schwierig, unter den gegenwärtigen Marktbedingungen zu bestehen. Da gibt es sicherlich keine Patentrezepte, keinen Königsweg. Da muss jeder Referent, jede Referentin die eigenen Wege finden. Mit Frau Roeb hat der bvse eine erfahrene Nachfolgerin, die sich bereits im Kunststoffrecycling mehrfach und überdies sehr positiv bewiesen hat. Frau Roeb kennt auch die Praxis des Kunststoffrecyclings. Ratschläge meinerseits sind sicherlich nicht zielführend. Aber die Gesprächskreise der Kunststoffindustrie, in denen Frau Roeb als Vertreterin des Kunststoffrecyclings eine breite und freundliche Aufnahme gefunden hat, sollten den weiteren Austausch befördern.
 


Frau Roeb, Herr Dr. Probst, herzlichen Dank für das Interview!


(November 2025, Foto: © bvse)