Interview Markus Lüling

Interview mit K-Profi Chefredakteur Markus Lüling

 

Im Interview sprechen wir mit Markus Lüling, dem Gründer und Chefredakteur der Fachzeitschrift „K-PROFI“, über das Image von Kunststoffen, Innovation bei Verfahren, Herstellung und Produkten, die Kreislaufwirtschaft, regulatorische Hürden und die Zukunft des Standorts Deutschland.
 
Seit mehr als dreißig Jahren beschäftigt sich der Fachjournalist und Diplom-Ingenieur Lüling mit Kunststoffthemen. Vor der Gründung von K-PROFI war er langjährig als Redakteur, in leitenden Funktionen und freiberuflich für andere Fachpublikationen der Kunststoffindustrie tätig, unter anderem beim Hanser-Verlag für das Fachmagazin Kunststoffe und beim Giesel Verlag für die K-Zeitung. Seit September 2012, also seit fast 14 Jahren und über 100 Ausgaben begleitet Lüling im K-PROFI und der englischsprachigen Ausgabe K-PROFI international technologische und wirtschaftliche Entwicklungen in der Kunststoff und Kautschuk verarbeitenden Industrie. Der K-PROFI gilt als „Unternehmermagazin“, das konsequent den wirtschaftlichen Erfolg der Verarbeiter in den Mittelpunkt stellt und Impulse für die Branche gibt, indem über Erfolgsstrategien, Best-Practice-Beispiele und betriebliche Praxislösungen berichtet wird. Darüber hinaus ist Lüling seit vielen Jahren Chefredakteur der Messezeitung K-AKTUELL, die während der alle drei Jahre in Düsseldorf stattfindenden K-Messe täglich erscheint.

 

Analysen und Studien, die aktuelle Fakten rund um die Kreislaufwirtschaft liefern, sind entscheidend für die Entideologisierung und wertvoll für die Versachlichung der Diskussionen. Kaum eine Studie ist für mich persönlich so hilfreich wie die Ermittlung der Produktions- und Verbrauchsdaten und das daraus entstehende „Stoffstrombild“, das mich fast meine ganze berufliche Tätigkeit begleitet.

 

Für herausragenden Fachjournalismus und den gelebten Wissenstransfer zwischen Forschung und industrieller Praxis in der Kunststoffindustrie wurde Lüling im März 2026 mit dem renommierten Georg-Menges-Preis ausgezeichnet. Der vom Institut für Kunststoffverarbeitung in Industrie und Handwerk an der RWTH Aachen (IKV), dem VDMA-Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen und Plastics Europe Deutschland ausgelobte Preis würdigt Persönlichkeiten, die den Transfer von Forschungsergebnissen in die Industrie fördern und wird traditionell an hervorragende Köpfe aus Wissenschaft und Wirtschaft verliehen.

 

Herr Lüling, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Georg-Menges-Preis! Sie sind der erste Journalist unter den Preisträgern: Welche persönliche Bedeutung hat diese Anerkennung Ihrer Arbeit als Brückenbauer zwischen Forschung und Praxis für Sie?
 
Vielen Dank. Der Preis hat mich vollkommen überrascht. So schlüssig die Begründung von Professor Hopmann für die Vergabe an einen Fachjournalisten war, so wenig hätte ich daran gedacht, als Preisträger infrage zu kommen. Bei der Vernetzung von Forschung, Hochschulen, Entwicklungspartnern und Industrievertretern sind Fachmedien egal welchen Formats nicht der einzige, aber noch immer ein sehr valider Kanal für einen konstruktiven Austausch. Persönlich empfinde ich diese Funktion seit mehr als drei Jahrzehnten als erfüllende Aufgabe. Und wenn der Output von mir und meinem Team Nutzen stiftet, freue ich mich darüber.
 

Als Chefredakteur von K-PROFI übersetzen Sie täglich Technik in eine verständliche Sprache. Wenn wir über das schwierige Image von Kunststoff sprechen: Wo lässt sich die Kommunikation der Branche aus Ihrer Sicht verbessern, und wie kann die Fachpresse helfen, die Diskussionen über den Werkstoff Kunststoff zu Klimaschutz und Ressourceneffizienz im öffentlichen Dialog zu versachlichen? Welchen Stellenwert messen Sie dabei Analysen und Studien für die Etablierung einer faktenbasierten Diskussion bei, wie etwa die Studien der BKV rund um Kreislaufwirtschaft?

 
Die Fachmedien wirken im Wesentlichen in die Branche hinein. Erklärte Zielgruppe sind Kunststoff- und Kautschukverarbeiter, einige Titel adressieren auch deren Zulieferer oder Kunden. Viele Beobachter und auch Verbände hoffen, die Fachmedien könnten als Informationskanäle über die Branche hinauswirken und die öffentliche Meinung wesentlich beeinflussen. Diese Annahme teile ich nicht: Branchenmedien sind keine Publikumsmedien! Im öffentlichen Dialog zu Bürgerinnen und Bürgern oder in die Politik haben Fachmedien noch nie eine Rolle gespielt. Sie können aber helfen, die Player in der Branche gut informiert zu halten, wenn diese sich „nach außen“ positionieren müssen. Allerdings befasst sich kein Fachmedium zugleich mit Werkstoff- und Anwendungstechnik, Maschinen-, Werkzeug- und Verarbeitungstechnik, Fragen von Unternehmensstrategie oder Betriebsorganisation, Konjunktur, Warenströmen, Regulatorik und Politik. Das würde die Kapazitäten eines Redaktionsteams sprengen. Als Sprachrohr der gesamten Industrie zu Rahmenbedingungen für die Wirtschaft sehe ich die großen Industrieverbände. Fach- und branchenbezogene Themen wie die Regulatorik für Produkte, Auflagen für Werkstoffe, die Kreislaufwirtschaft oder die damit verbundenen Dokumentationspflichten bearbeiten sinnvollerweise die Verbände der Kunststoffindustrie mit Experten aus der Branche im Rücken.
 
Analysen und Studien, die aktuelle Fakten rund um die Kreislaufwirtschaft liefern, sind entscheidend für die Entideologisierung und wertvoll für die Versachlichung der Diskussionen. Kaum eine Studie ist für mich persönlich so hilfreich wie die Ermittlung der Produktions- und Verbrauchsdaten und das daraus entstehende „Stoffstrombild“, das mich fast meine ganze berufliche Tätigkeit begleitet. Ich freue mich schon auf die 2025er Zahlen und die Visualisierung im Oktober.
 
 

Zentrale Themen der Branche sind derzeit Material- und Quotenanforderungen sowohl aus dem Markt als auch durch gesetzliche Regelungen. So setzen etwa die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) und die kurz bevorstehende EU-Altfahrzeugverordnung (ELVR) ambitionierte Quoten für den Rezyklateinsatz. Viele Verarbeiter klagen über nicht ausreichende Qualitäten und Lieferengpässe. Wo klafft aus Ihrer Sicht aktuell die größte Lücke zwischen politischer Ambition, technischen Möglichkeiten und Marktanforderungen? Welche Lösungsansätze sehen Sie?
 
An der Frage, wie sich das „Rezyklat-Dilemma“ auflösen lässt, kauen viele schlaue Köpfe schon sehr lange. Die ELVR und ihre Erfüllung wird die Nachfrage nach Rezyklaten aus Post-Consumer-Abfällen deutlich steigern. Konsumnahe ebenso wie technische Zielmärkte für Kunststoffartikel werden ihrerseits die Nachfrage nach Rezyklaten erhöhen. Insgesamt kann ich nicht erkennen, wo die notwendigen werkstofflich aufbereiteten Mengen vor allem technischer Kunststoffe aus Post-Consumer-Mengenströmen herkommen sollen. Aktuell gibt es auch noch keine ausreichenden Kapazitäten für die Fahrzeugdemontage. Dazu kommt, dass viele Fahrzeuge das Ende ihrer Nutzungsdauer im Ausland erreichen. Langfristig wird die Branche die Gewinnung und die Aufbereitung von Sekundärkunststoffen wettbewerbsfähig und auch ihren Einsatz preislich attraktiv gestalten müssen. Aus meiner Perspektive ist der Strom in Deutschland zu teuer, um unter normalen Marktbedingungen selbst an den Grenzen des physikalisch Machbaren ein Recycling zu betreiben, das sich wirtschaftlich rechnet. Die vielen Recyclerinsolvenzen der letzten Monate sind ein Beleg dafür. Krisenbedingt erhöhte Neuwarepreise verschleiern aktuell dieses Dilemma.
 
Wünschenswert ist auf jeden Fall eine breitere Beteiligung der Branchenunternehmen an den Anhörungen in den Gesetzgebungsprozessen und auch ein höherer Organisationsgrad in jenen Verbänden, die in Berlin und vor allem in Brüssel ihre Interessen vertreten und sich für sachgerechte Vorgaben und realistische Regelungen einsetzen. Wünschenswert wären außerdem klare gesetzliche Vorgaben, die nicht mehr auf die lange Bank geschoben und ggf. wirtschaftlich unterstützt werden, um das Dilemma aufzulösen.
 
In der Debatte um Effizienzsteigerung und den Fachkräftemangel wird das Potenzial von Künstlicher Intelligenz und Vollautomatisierung oft als entscheidender Hebel genannt. Wie schätzen Sie den aktuellen Stand dieser Technologien ein: Ist die KI-gestützte Produktion bereits anwendbar für den klassischen Mittelstand oder vorerst noch etwas für große Konzerne?
 

In Nordamerika haben die Hersteller von Kunststoffmaschinen schon lange auch ungelernten und fremdsprachigen Mitarbeitern die Bedienung ihrer Anlagen erschlossen, z.B. mit intuitiv gestalteten Steuerungen (MMI). Europa entdeckt neben der leichten Bedienbarkeit das VR- und/oder KI-gestützte Einrichten und Anfahren von Maschinen als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel. Das ist nur konsequent.
 
Eine KI-gestützte Produktion ist ein Thema nicht nur für Konzerne. Letztere haben vermutlich mehr finanzielle Mittel und personelle Kapazitäten, neue Tools auszuprobieren. Aber wenn ich mir die Praxisbeispiele anschaue, die bei Fachtagungen vorgetragen und auf (Haus)messen gezeigt werden, dann sind die Anwender von KI-Tools mindestens so häufig auch kleine und mittlere Kunststoffverarbeiter.
 
Hohe Energiekosten, ein hohes Lohnniveau und eine zunehmende regulatorische Dichte belasten die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Kunststoffindustrie massiv. Welche strategischen Ansätze beobachten Sie bei Unternehmen, die Transformation zur Kreislaufwirtschaft angesichts dieser widrigen Rahmenbedingungen zu managen?
 

Nach meiner Beobachtung haben viele Kunststoffverarbeiter existenzielle Sorge um die Zukunftsfähigkeit ihrer Standorte in Deutschland. Die Nachfrage ist schwach, dazu drücken Energie-, Standort- und Personalkosten sowie die Bürokratie auf die Wettbewerbsfähigkeit. Investitionen in den Betrieben müssen sich schnell amortisieren und auch bei wackeliger Auslastungsperspektive zum Erfolg führen.
 
Eine möglichst abfallfreie und ausschussarme Produktion bei Einsatz auch sonst minimaler Ressourcen war schon immer eine wichtige Stellschraube für Effizienz in der Kunststoffverarbeitung. Erfolgreiche Unternehmen verfolgen diese Strategie seit Jahrzehnten, ohne darum großes Aufheben gemacht zu haben. Sinnvolle Arbeitsteilungen, geschlossene Materialkreisläufe, eine hohe Eigenversorgungsquote mit Energie – wie auch immer die Einzelmaßnahmen aussehen: Ein für alle Betriebe gültiges Patentrezept kenne ich nicht. In Pilotprojekten Machbarkeiten zu testen, halte ich auch für einen vielversprechenden Weg.
 
Herr Lüling, wenn wir den Blick nach vorne richten: Welche besonderen Stärken des Standorts Deutschland stimmen Sie heute zuversichtlich für die Zukunft einer nachhaltigen Kunststoffindustrie? Was macht Ihnen am meisten Mut für die nächsten Jahre?
 

Eine Kreislaufwirtschaft mit Kunststoffen wird ungeheure Mengen an sehr preiswerter Energie benötigen. Einerseits kann ich nicht erkennen, wie die gewaltigen Kapazitäten geschaffen und auf Sicht sehr niedrige Preise erzielt werden können. Andererseits rutschen alle wichtigen Branchenkennzahlen seit Jahren immer tiefer ins Minus, viele Unternehmen können kaum mehr investieren, Projekte im chemischen Recycling werden in die Zeit gestellt, viele sogar gestoppt, die Insolvenzwelle in der Kunststoffverarbeitung und insbesondere bei den Recyclingbetrieben rollt. Wir können nicht mehr übersehen, dass die europäische Grundstoffchemie erodiert, dass viele Maschinenbauer immer weniger in Europa verkaufen, dass Rohpolymere und Compounds immer öfter aus Asien kommen und dass an den Hochschulen der Nachwuchs in technischen Studiengängen schrumpft. Insofern ist mein Optimismus sehr begrenzt, dass wir in Deutschland schnell zu einer Kunststoffindustrie kommen können, die das Label „nachhaltig“ verdient. Alle Sorgen und Bedenken weggewischt: Als besondere Stärke des Standortes Deutschland sehe ich bei der Lösung wichtiger Teilaufgaben auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft die intensive Vernetzung von Kunststofferzeugung, Kunststoffmaschinenbau, Sortier- und Recyclingtechnik, Kunststoffverarbeitern, Hochschulen und Instituten, Dienstleistern und Experten.
 
Herr Lüling, herzlichen Dank für das Interview!


(Mai 2026, Foto: © Fotografie Mauer)