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Interview: Kunststoffeinträge aus Komposten

Erste Studien haben sich auch mit dem Thema Kunststoffeinträge in die die Umwelt über Komposte befasst. Auch die Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V. hat zum Beitrag der Komposte Untersuchungen durchgeführt. Zu den unterschiedlichen Ergebnissen und Einschätzungen haben wir im Rahmen eines Kurzinterviews beim Geschäftsführer der Gütegemeinschaft, Dr. Bertram Kehres, nachgefragt.

Der Kompost trägt neben anderen Quellen zum Eintrag von Kunststoffen in die Umwelt bei. Die Bundesgütegemeinschaft Kompost hat hierzu Untersuchungen durchgeführt. Wie bewerten Sie daher den Beitrag des Kompostes zur Gesamtbelastung „Plastik in der Umwelt“?

Derzeit unterliegen etwa 550 Kompostierungsanlagen der freiwilligen RAL-Gütesicherung der Bundesgütegemeinschaft Kompost (BGK). Im Rahmen der Gütesicherung werden von unabhängigen Probenehmern jährlich über 3.000 Kompostproben gezogen und von anerkannten Prüflaboren auf 30 Parameter untersucht. Dazu gehören auch Gehalte an Fremdstoffen wie Glas, Metalle und Kunststoffe. Die BGK verfügt für diese Parameter über eine breite Datenbasis, die sehr zuverlässige Aussagen ermöglicht.

RAL-gütegesicherte Komposte enthalten im Mittel etwa 0,01 Prozent Folienkunststoffe. Einzelproben können in einem weiten Spektrum variieren. In den Prüfzeugnissen der RAL-Gütesicherung sind die Gehalte an folienartigen Kunststoffen sowie an sonstigen Fremdstoffen inklusive Hartkunststoffen jeweils ausgewiesen. Der Anteil der mit Kompost und Gärprodukten in die Umwelt eingetragenen Mengen an Kunststoffen beträgt nach den vorliegenden Analyseergebnissen der BGK derzeit ca. 0,2 Prozent der Gesamtkunststoffeinträge, die nach jüngsten Literaturangaben auf jährlich rund 450.000 Tonnen geschätzt werden.

Der Eintrag von Kunststoffen in die Umwelt durch Kompost ist in der letzten Zeit in den Medien oft thematisiert worden. „Unser Kompost ist voller Mikroplastik“, titelte etwa im April Die Zeit. Forscher der Uni Bayreuth haben eine Studie vorgelegt, nach deren Datenerhebung eine Tonne Kompost aus Haushaltsabfällen und industriellen Abfällen zwischen 7.000 und 440.000 Mikroplastikpartikel enthalten. Fraunhofer UMSICHT geht davon aus, dass jährlich pro Einwohner 169 Gramm Mikroplastik emittiert wird. Wie beurteilen Sie als Bundesgütegemeinschaft Kompost solche Aussagen und Ergebnisse?

Der Eintrag von Kunststoffen in die Umwelt, die im Zuge der Verarbeitung von Bioabfällen verursacht werden, hat in diesem Jahr umfangreich Schlagzeilen gemacht. Herausgestochen sind etwa die Vorkommnisse um das Flüsschen Schlei in Schleswig Holstein, in das erhebliche Mengen an Kunststoffen aus der Verarbeitung verpackter Lebensmittelabfälle eingeleitet wurden. Der Normalfall ist dies nicht. Es hat den Fokus aber auf die Bioabfallverwertung gelenkt, das heißt auf Gärprodukte und Kompost und darin enthaltene Anteile an Kunststoff.

In der von Ihnen zitierten Studie von Fraunhofer UMSICHT werden die über Kompost zu erwartenden Einträge von Mikroplastik in die Umwelt mit 169 Gramm je Einwohner und Jahr als eine der wesentlichen Eintragsquellen dargestellt. Hochgerechnet sind dies bundesweit etwa 12.000 Tonnen Kunststoffe. Nach unseren Berechnungen ist dies unzutreffend. Als BGK kommen wir auf einen Eintrag von ca. 800 Tonnen. Bei Fraunhofer UMSICHT hat man zur Berechnung offensichtlich die geltenden gesetzlichen Grenzwerte herangezogen. Diese werden aber bei weitem nicht ausgeschöpft. Tatsächlich liegen die Gehalte an Kunststoffen in Kompost im Mittel weit darunter, und zwar bei etwa 1/10 der Grenzwerte.

Die Schlagzeilen werden leider von Vorfällen dominiert, bei denen das Qualitätsmanagement versagt hat und sehr viel höhere Mengen an Kunststoffen eingetragen worden sind. Solche Fälle sind 'ohne Wenn und Aber' zu verurteilen und vom Inverkehrbringer der Erzeugnisse zu verantworten. Sie finden in der Presse einen breiteren Niederschlag und diskreditieren die ganze Produktgruppe.

Vom Gesetzgeber sind für Fremdstoffe im Kompost Grenzwerte vorgeschrieben. Dies betrifft auch die zugelassene Menge an Kunststoffen im Kompost. Welche Bedeutung kommt diesen Grenzwerten zu und werden sie eingehalten? Was ist aus Ihrer Sicht zu tun, um künftig die Einträge von Kunststoffen in Komposte zu minimieren?

Für Komposte gelten – wie für alle anderen Düngemittel auch – die Grenzwerte der Düngemittelverordnung (DüMV). Bezüglich der Gehalte an Fremdbestandteilen sind dabei zwei Grenzwerte relevant: Der Gehalt an verformbaren Kunststoffen > 2 mm Siebdurchgang (Folienkunststoffe) darf maximal 0,1 Gewichtsprozent in der Trockenmasse betragen, der Gehalt an sonstigen Fremdbestandteilen > 2 mm Siebdurchgang maximal 0,4 Gewichtsprozent.

In einem aktuellen Entwurf zur Änderung der DüMV ist vorgesehen, künftig nicht nur Partikel > 2 mm zu berücksichtigen, sondern die Bezugsgröße auf 1 mm abzusenken. Die BGK hält dies für zielführend, weil mit diesem Schritt auch Partikel der Größenklasse von 1 bis 2 mm einbezogen werden. Indirekt ist dies auch eine Verschärfung der geltenden Grenzwerte. Partikel, die kleiner als 1 mm sind, können mit den geltenden Untersuchungsmethoden nicht bestimmt werden. Aufgrund der Art der Kunststoffe, die in die Bioabfallverwertung typischerweise eingetragen werden, ist aber nicht davon auszugehen, dass Partikel, die kleiner als 1 mm sind, die Gehalte wesentlich beeinflussen.

Ursache von Verunreinigungen mit Kunststoffen sind vor allem Fehlwürfe von Bürgern bei der getrennten Sammlung von Bioabfällen. Damit ist bereits beschrieben, was zu tun ist, um Einträge von Kunststoffen in Komposte künftig zu minimieren. Ansatzpunkt ist die Vermeidung von Kunststoffeinträgen an der Quelle.

Aufgrund von Kontrollen von Biotonnen ist bekannt, dass die große Mehrheit der Bürger die Getrennthaltung der Bioabfälle sehr gut durchführt. Es gibt überall aber auch Gebiete oder einzelne Haushalte, wo dies nicht so ist. Dort sind in den Biotonnen viele Fremdstoffe zu finden, die – weil alles zusammen in einem Fahrzeug gesammelt wird – das gesamte Material verunreinigen können.

Getrenntsammelsysteme sind keine Selbstläufer. Sinn und Konsequenzen der Kreislaufwirtschaft von Wertstoffen müssen regelmäßig erklärt werden. Im Fall von Bioabfällen ist dies von besonderer Bedeutung, weil ihre Wahrnehmung als Wertstoff weniger ausgeprägt ist, als dies bei Papier oder anderen Stoffen der Fall ist. Oft ist noch nicht einmal bekannt, dass es sich bei den Bioabfällen um die größte Wertstofffraktion der Haushaltsabfälle handelt.

Für die langfristige Wirksamkeit der Fremdstoffvermeidung ist neben der Öffentlichkeitsarbeit vor allem die Ahndung von Verstößen gegen die Getrenntsammelpflicht von Bedeutung. Ohne Kontrollen der Sortenreinheit der Bioabfälle können Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit wirkungslos bleiben. Wiederholte Stichproben von Biotonnen in wechselnden Sammelgebieten oder zur Feststellung von Punktquellen sind in der Regel ausreichend. Punktquellen oder Problemgebiete mit anhaltenden Fremdstoffeinträgen müssen von der Sammlung der Bioabfälle ausgeschlossen werden. Im Zweifel gilt Qualität vor Quantität.