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Interview: Zur vierten Version des „Marine-Litter-Modells“

Das Marktforschungsunternehmen Conversio Market & Strategy GmbH entwickelte im Auftrag der BKV vor sieben Jahren ein neues Berechnungsmodell zur Abschätzung der Mengen an Kunststoffabfällen, die in den Meeren landet: „Vom Land ins Meer - Modell zur Erfassung landbasierter Kunststoffabfälle“. Das Modell wurde seitdem immer wieder weiterentwickelt und der jeweils neuen Daten- und Faktenlage angepasst. Die aktuell vorliegende vierte Version bringt Neuerungen mit sich, zu deren Inhalt und Bedeutung wir beim Geschäftsführer Christoph Lindner nachgefragt haben, der auch einen Ausblick gibt, wie es mit dem Modell weitergehen soll.

Herr Lindner, das Modell „Vom Land ins Meer“ liegt nun in der vierten Version vor. Worin besteht der Unterschied zu der vorherigen Version? 

Im Rahmen der Erstellung der vierten Berichtsversion stand die komplette Aktualisierung der Datenlage sowie die Integration der neuesten Ergebnisse aus den vorliegenden Sonderberichten zum Thema „Vom Land ins Meer“ im Fokus. Hierbei handelte es sich um die Sonderberichte „Eintrag von Kunststoffen aus Komposten und Gärrückständen“, „Eintrag Reifenabrieb aus Deutschland in die Meere“ sowie „Verifizierung des Faktors „Nicht ordnungsgemäß entsorgte Abfälle“. Weiterhin wurde zum ersten Mal der mengenmäßige Eintrag von Kunststoffen in die Eintragspfade im Detail ausgewiesen. Ein weiterer wichtiger neuer Bestandteil der Berichtsaktualisierung stellt das Kapitel „Sensitivitätsanalyse“ dar. Da bei einigen zentralen Modellfaktoren bislang nur rudimentäre Daten zur Verfügung stehen, wird vermehrt auf Abschätzungen seitens Marktexperten zurückgegriffen. Mithilfe einer Sensitivitätsanalyse wird die Empfindlichkeit des mengenmäßigen Kunststoffeintrags in die Meere bei der Variation einzelner Faktoren dargestellt.

Erstmals werden in dem Modell auch die Kunststoffabfallmengen ausgewiesen, die in die Eintragspfade bzw. Eintragsquellen gelangen. Welche Bedeutung haben diese Angaben für das Modell?

Bislang stand der mengenmäßige Eintrag von Kunststoffabfällen in die Meere im Fokus. Die Darstellung der Eintragsmengen in die Eintragspfade trägt dazu bei, dass das Modell transparenter wird und zu einer besseren Nachvollziehbarkeit des Berechnungsansatzes beiträgt. Grundsätzlich ist es so: Je mehr Variablen einer Rechnung man kennt, umso leichter ist es, diese Rechnung nachzuvollziehen. Weiterhin bekommt man durch die detailliertere Mengendarstellung einen besseren Überblick, welche Mengen in die Umwelt gelangen bzw. in einem Eintragspfad landen. Hierdurch werden detaillierte Fakten für Handlungen geschaffen, die für eine Reduzierung bzw. Vermeidung von Marine Litter (Land-Sourced) benötigt werden. 

Bisher standen in dem Modell „Vom Land ins Meer“ Kunststoffe im Sinne von polymeren Werkstoffen im Fokus. Nun werden auch Angaben zum Reifenabrieb gemacht. Warum wurde gerade der Eintrag von Reifenabrieb in das Modell aufgenommen und wie erfolgte die Integration in das Modell?

In den meisten Untersuchungen, die sich mit dem Thema Kunststoffen in der Umwelt beschäftigen, wird Reifenabrieb zu Mikrokunststoffen gezählt und mengenmäßig als wichtige Quelle von Kunststoffabfall in die Umwelt identifiziert. Um auch den Eintrag von Reifenabrieb aus Deutschland in die Meere zu berücksichtigen, haben wir uns dem Thema Reifenabrieb in Form eines Sonderberichtes „Eintrag Reifenabrieb aus Deutschland in die Meere“ gewidmet. Reifenabrieb wird im Bericht „Vom Land ins Meer“ weder zu Mikro- noch zu Makrokunststoffen gezählt, sondern gesondert ausgewiesen.

Wie soll es zukünftig mit dem Modell weitergehen?

Aktuelle Diskussionen und Entwicklungen gehen derzeit weg von einer reinen Fokussierung auf Einträge von Kunststoffen in die Meere. Das Thema „Kunststoffe in der Umwelt“ steht vielmehr im Mittelpunkt. Dies soll bei der Weiterentwicklung des „Marine Litter Modells“ berücksichtigt werden. In einer aktuellen Studie setzen wir uns daher konkret mit dem Thema Kunststoffe in der Umwelt auseinander. Dabei sollen nur Abfälle miteinbezogen werden, die abseits der regulierten und systematisch erfassten Abfälle in die Umwelt gelangen. Neben einer Gesamtbewertung sollen einzelne Kunststoffprodukte und Quellen insbesondere aus dem Mikrokunststoffbereich dezidiert untersucht werden, so zum Beispiel Emissionen bei der Abfallentsorgung, Pelletverluste oder Freisetzungen auf Baustellen.                                                         

(Mai 2020)