StandpunktAn dieser Stelle beziehen Einzelpersonen - oder auch Verbände - Position zu einem aktuellen Thema.
MEIN STANDPUNKT: DR. JÜRGEN BRUDER Biokunststoffe sind ein derzeit viel diskutiertes Thema, das gleichermaßen Erwartungen wie auch Kritik hervorruft. Dr. Jürgen Bruder, Hauptgeschäftsführer der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen bezieht aus seiner Sicht Position, welche Chancen und Risiken mit den Biokunststoffen verbunden sind: Willkommen in der Familie!Biokunststoffe erfreuen sich in der Öffentlichkeit und den Medien großer Beliebtheit, auch wenn ihr Anteil am Verpackungsmarkt in Deutschland mit unter einem Prozent noch verschwindend gering ist. Allerdings wird ihnen künftig ein jährliches Wachstum von über 20 Prozent nachgesagt. Biokunststoffe wecken offensichtlich schon wegen der Vorsilbe ?bio? positive Assoziationen. Doch führen sie auch zu einigen Illusionen, die dringend einer Versachlichung bedürfen. Vor diesem Hintergrund arbeitet die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) bereits seit mehreren Jahren über ihren Arbeitskreis ?Bioplastics? an einer sachlich-nüchternen Einordnung der Chancen und Risiken, die mit Verpackungen und Folien aus Biokunststoffen verbunden sind. Wie ?bio? sind denn Biokunststoffe? Die Bezeichnung Biokunststoffe ist in mehrerer Hinsicht sehr ungenau. Mit Biokunststoffen werden sowohl bioabbaubare Kunststoffe als auch solche aus nachwachsenden Rohstoffen bezeichnet. Nun haben aber beide Eigenschaften nichts miteinander zu tun, denn sowohl Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen als auch solche aus fossilen Rohstoffen können bioabbaubar sein oder auch nicht. Die Bioabbaubarkeit hängt also nicht von der Rohstoffherkunft ab, sondern von der jeweiligen Struktur des Werkstoffs. Auch ist das Kriterium biologisch abbaubar genauso wenig ein zwingendes Indiz für einen Umweltvorteil wie die biologische Rohstoffbasis. Denn weder bioabbaubare noch biobasierte Werkstoffe sind wirklich klimaneutral, wie gerne behauptet wird, da jeder Prozessschritt ? von der Aussaat, über Ernte, Transport, Fermentation und Produktherstellung ? Energie verbraucht. Wie viel ?bio? in einem Werkstoff steckt, kann letztendlich nur eine konkrete produktbezogene Lebenszyklusanalyse an den Tag bringen. Pauschale Wertungen entbehren bislang jeder wissenschaftlichen Grundlage. Und wenn es gar um die Frage geht, wie nachhaltig ein Werkstoff ist, dürfen über die ökologischen Auswirkungen hinaus die ökonomischen und sozialen eines Produkts nicht unerforscht bleiben. Biokunststoffe können dennoch eine Bereicherung sein Unabhängig von der ökologischen Betrachtung bieten Biokunststoffe Kunststoffverarbeitern ein breites Spektrum an neuen Chancen. Nachwachsende Rohstoffe erweitern die Rohstoffbasis für Kunststoffe und können bei mittelfristig interessanten Preisen die Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Mit Biokunststoffen können neue Geschäftsfelder vor allem für Nischenprodukte erschlossen werden. Zum Beispiel in der Landwirtschaft: Biologisch abbaubare Mulchfolien etwa fördern das Pflanzenwachstum, schützen vor Unkraut und müssen am Ende nicht aufwändig entfernt, sondern können einfach untergepflügt werden. Bei Verpackungen von Obst und Gemüse halten spezielle Eigenschaften der Biokunststoffverpackungen die Ware länger frisch, weil das Material Wasserdampf durchlässt. Auch der Küchenabfallbeutel, der mit dem Bioabfall gemeinsam kompostiert werden kann, ist ein Beispiel für einen sinnvollen Einsatz von biologisch abbaubaren Kunststoffen. Deshalb unterstützt die IK durchaus die Entwicklung und den Einsatz von Biokunststoffen für Kunststoffverpackungen. Alle Verwertungsoptionen müssen für sie offen bleiben Auch die Verwertungsmöglichkeiten der neuen Kunststoffe spielen bei der Bewertung der neuen Verpackungskunststoffe keine unerhebliche Rolle. Der Trend geht in Richtung energetische Verwertung. Eine Kompostierung der Bioabbaubaren macht nur dann wirklich Sinn, wenn die Kompostierung einen zusätzlichen Anwendernutzen bringt wie im beschriebenen Beispiel der Mulchfolie. Ansonsten ist ihr die energetische Verwertung weit überlegen, weil sie die ?geparkte? Energie fast ohne Verluste nochmals nutzen kann, die bei der Kompostierung verloren geht. An ein Recycling, für das die Materialien sortenrein aus dem Abfallstrom herausgeholt werden müssten, ist angesichts der aktuell noch sehr geringen Mengen noch nicht zu denken. Für die größtmögliche Effizienz der Verwertung bleibt letztlich die Forderung an die Politik wichtig, auch künftig alle Verwertungswege offen zu halten. Ein weiteres Mitglied der Kunststofffamilie Biokunststoffe erweitern die bestehende Kunststofffamilie ? nicht mehr und nicht weniger. Sie ersetzen nicht die konventionellen Kunststoffe, sondern ergänzen sie. Mit ihren Eigenschaften können sie Anwendungen erschließen, die bislang so nicht möglich waren. Forschung und Entwicklung werden noch weitere Möglichkeiten erschließen. Doch gibt es keinen Grund, deswegen einzelne Kunststoffe oder daraus hergestellte Verpackungen besonders zu privilegieren, bzw. andere zu diskriminieren, da Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen oder bioabbaubare Kunststoffe nicht per se umweltschonender sind als andere. Letztlich stellen sie Innovationen dar, wie es sie auch in anderen Bereichen der Kunststoffwelt beinahe täglich gibt. Als solche heißen wir die neuen Mitglieder in der Kunststofffamilie herzlich willkommen!
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